Du überlegst, Psychotherapeut:in zu werden – oder Du studierst gerade Psychologie und fragst Dich, was das neue Gesetz für Dich bedeutet? Dann ist dieser Artikel genau richtig. Das Psychotherapeutengesetz, kurz PsychThG, hat 2020 den Beruf der Psychotherapeut:innen grundlegend neu geregelt und betrifft alles: den Ausbildungsweg, die Vergütung, die Approbation. Klingt nach trockener Juristerei? Ist es im Kern auch – aber es hat konkrete Auswirkungen auf Deinen Berufsweg, und die erklären wir Dir hier.
Was ist das Psychotherapeutengesetz (PsychThG)?
Das Psychotherapeutengesetz regelt in Deutschland, wer sich Psychotherapeut:in nennen darf, unter welchen Voraussetzungen man als solche:r tätig sein darf und wie die Ausbildung dazu aussieht. Es legt fest, dass Psychotherapie eine heilkundliche Tätigkeit ist – also eine, die eine staatliche Zulassung, die sogenannte Approbation, erfordert.
Die aktuell gültige Fassung ist das PsychThG 2020, das am 1. September 2020 in Kraft getreten ist. Es hat das alte Gesetz von 1999 abgelöst und den Beruf grundlegend neu strukturiert. Wer also heute ein Psychologiestudium beginnt, startet bereits unter den neuen Regeln.
Das Gesetz regelt übrigens nicht, was in einer Therapiesitzung passiert oder wie Therapeut:innen ihre Patient:innen behandeln sollen. Dafür gibt es andere Regelwerke, zum Beispiel die Psychotherapie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses.
Geschichte: Von der PiA-Problematik zum neuen Gesetz
Um zu verstehen, warum die Reform so lange gefordert wurde, muss man kurz zurückschauen. Das erste Psychotherapeutengesetz trat 1999 in Kraft – ein echter Meilenstein, weil es den Beruf der Psychotherapeut:innen erstmals gesetzlich anerkannte. Vorher war die Lage deutlich chaotischer.
Das Problem: Das alte System schuf die sogenannte PiA-Problematik (PiA = Psychotherapeut:in in Ausbildung). Wer nach dem alten Recht Psychotherapeut:in werden wollte, musste zunächst ein abgeschlossenes Psychologiestudium vorweisen und danach noch eine mehrjährige postgraduale Ausbildung an einem privaten Institut absolvieren – und das oft für wenig oder gar kein Gehalt. Manche zahlten sogar Schulgeld, während sie gleichzeitig therapeutische Leistungen erbrachten. Das war nicht nur unfair, sondern rechtlich fragwürdig.
Ab 2017 wurden Referentenentwürfe für eine Reform erarbeitet. Im September 2019 verabschiedete der Bundestag schließlich das neue Gesetz, das dann am 1. September 2020 in Kraft trat.
Das neue PsychThG 2020 – Was hat sich geändert?
Die Reform hat vier zentrale Dinge verändert, die Du kennen solltest:
1. Direktes Universitätsstudium statt nachgelagerter Ausbildung
Nach altem Recht studierte man Psychologie (Diplom oder Master) und machte danach eine externe Ausbildung. Heute führt der Weg direkt über die Hochschule: zunächst ein Bachelor of Science in Psychologie (6 Semester), danach ein Master of Science in Psychotherapie (4 Semester). Dieser Masterstudiengang ist der eigentliche Kern der neuen Ausbildung.
2. Approbation bereits nach dem Studium
Früher gab es die Approbation erst nach der postgradualen Ausbildung – also viele Jahre nach dem eigentlichen Studienabschluss. Heute erhält man die Approbation direkt nach dem Masterstudium und einer staatlichen Prüfung. Das ist ein erheblicher Fortschritt.
3. Vergütete Weiterbildung statt unfinanzierter Ausbildung
Die frühere postgraduale Ausbildung wird durch eine 5-jährige Weiterbildung zur Fachkunde ersetzt, die in einem Angestelltenverhältnis stattfindet – also mit Gehalt. Die Weiterbildung erfolgt in zugelassenen Weiterbildungsstätten wie Kliniken oder anerkannten Praxen.
4. Einheitliche Berufsbezeichnung
Die Unterscheidung zwischen Psychologischen Psychotherapeut:innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen (KJP) bleibt erhalten, aber die Berufsbezeichnung wurde vereinheitlicht: „Psychotherapeutin“ / „Psychotherapeut“.
Alt vs. Neu auf einen Blick
| Aspekt | Altes Recht (1999) | Neues Recht (2020) |
|---|---|---|
| Zugang | Psychologiestudium + externe Ausbildung | Bachelor + Master Psychotherapie |
| Approbation | Nach postgradualer Ausbildung (oft 5–7 J. nach Studium) | Nach Masterstudium + Staatsprüfung |
| Weiterbildung | Oft unvergütet oder mit Schulgeld | Angestellt, vergütet (Pflicht) |
| Dauer gesamt | Bis zu 12–14 Jahre nach Abitur | Ca. 10-11 Jahre nach Abitur |
| Berufsbezeichnung | PP / KJP (unterschiedlich geregelt) | „Psychotherapeut:in“ |
Der Weg zur Approbation – Schritt für Schritt
Wenn Du heute Dein Psychologiestudium beginnst, sieht Dein Weg so aus:
Schritt 1: Bachelor of Science Psychologie (3 Jahre)
Grundlagenstudium an einer Universität. Wichtig: Nicht jeder Psychologie-Bachelor berechtigt automatisch zum Masterstudium Psychotherapie. Das Hochschulstudium muss die inhaltlichen Anforderungen der Approbationsordnung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (PsychThApprO) erfüllen.
Schritt 2: Master of Science Psychotherapie (2 Jahre)
Hier beginnt die eigentliche therapeutische Ausbildung. Der Masterstudiengang kombiniert wissenschaftliches Lernen mit praktischen Anteilen, darunter Praktika in psychiatrischen Einrichtungen und erste therapeutische Erfahrungen unter Supervision.
Schritt 3: Staatliche Approbationsprüfung
Am Ende des Masterstudiums steht eine staatliche Prüfung. Wer diese besteht, erhält die Approbation – die offizielle staatliche Zulassung zur Ausübung von Psychotherapie.
Schritt 4: Weiterbildung zur Fachkunde (5 Jahre)
Erst nach dieser Weiterbildung darf man sich als Kassenpsychotherapeut:in selbstständig niederlassen. Die Weiterbildung findet in anerkannten Einrichtungen statt und umfasst Theorie, Supervision und eigene therapeutische Arbeit.
Insgesamt dauert der vollständige Weg vom Abitur bis zur Kassenzulassung damit etwa 10 bis 11 Jahre.
Was gilt für KJP?
Auch wer sich auf Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie spezialisieren möchte, durchläuft das gleiche Grundstudium. Die Spezialisierung erfolgt dann in der Weiterbildungsphase. Bestimmte Masterprogramme legen ihren Schwerpunkt bereits auf KJP.
Ist ein Fernstudium möglich?
Rein theoretisch gibt es einzelne Hochschulen, die Psychologiestudiengänge teils online anbieten. Für den Master Psychotherapie nach dem neuen Recht ist ein Fernstudium jedoch kaum realisierbar, weil die praktischen Studienanteile – Praktika, Therapiegespräche unter Supervision – eine physische Präsenz erfordern. Ein vollständiges Fernstudium bis zur Approbation ist nach aktuellem Stand nicht möglich.
Übergangsregelung – Was gilt für wen bis 2032?
Wer sein Psychologiestudium vor dem 1. September 2020 begonnen hat, fällt unter die Übergangsregelung des neuen Gesetzes. Das bedeutet: Diese Personen können ihren Weg noch nach altem Recht zu Ende gehen – also den klassischen Weg über die postgraduale Ausbildung an einem Ausbildungsinstitut. Diese Möglichkeit besteht noch bis August 2032.
Wenn Du heute anfängst zu studieren, betrifft Dich die Übergangsregelung nicht mehr. Für Dich gilt ausschließlich das neue Recht.
Vergütung: Was verdienen PiA und PiW?
Das ist einer der umstrittensten Punkte – und einer, den das neue Gesetz zumindest auf dem Papier verbessert hat.
Im alten System arbeiteten viele PiAs (Psychotherapeut:innen in Ausbildung) für ein symbolisches Honorar oder gar kein Gehalt. Manche zahlten sogar Schulgeld an ihre Ausbildungsinstitute, während sie gleichzeitig therapeutische Leistungen erbrachten, die gegenüber den Krankenkassen abgerechnet wurden. Das war strukturell problematisch.
Im neuen System schreibt das Gesetz in § 5 PsychThG vor, dass Psychotherapeut:innen in Weiterbildung (PiW) eine angemessene Vergütung erhalten müssen. Wie hoch diese genau sein soll, legt das Gesetz selbst nicht fest – das wird über Tarifverträge und Verhandlungen zwischen Weiterbildungsstätten und den zuständigen Kammern geregelt.
Kassenzulassung und Niederlassung
Wer als Psychotherapeut:in gesetzlich Versicherte behandeln und direkt mit den Krankenkassen abrechnen möchte, braucht eine Kassenzulassung (offiziell: Zulassung zur vertragsärztlichen oder vertragspsychotherapeutischen Versorgung). Diese wird über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des jeweiligen Bundeslandes beantragt.
Ein entscheidender Punkt: Die Zahl der Kassensitze ist begrenzt. Die Bedarfsplanung legt fest, wie viele Psychotherapeut:innen in einer Region zugelassen werden dürfen – abhängig von Einwohnerzahl und Versorgungsgrad. In vielen städtischen Gebieten gibt es kaum freie Sitze; auf dem Land sieht es oft noch enger aus.
Das sogenannte Delegationsverfahren ist eine Ausnahme: Dabei kann ein:e approbierten Psychotherapeut:in bestimmte therapeutische Leistungen an noch nicht zugelassene Kolleg:innen delegieren. Das ist aber kein dauerhaftes Modell und ersetzt keine eigene Zulassung.
Was das PsychThG nicht regelt: Heilpraktiker und Soziale Arbeit
Ein häufiges Missverständnis: Das Psychotherapeutengesetz gilt nicht für alle, die psychologisch oder therapeutisch tätig sind.
Heilpraktiker:innen für Psychotherapie fallen nicht unter das PsychThG. Sie dürfen zwar psychotherapeutische Leistungen im Rahmen des Heilpraktikergesetzes anbieten – aber eben keine gesetzlich versicherten Leistungen abrechnen. Eine Kassenzulassung bekommen sie nicht. Das PsychThG regelt ausschließlich die Approbationsberufe, also Psychologische Psychotherapeut:innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen.
Soziale Arbeit wiederum darf keine Psychotherapie im heilkundlichen Sinne durchführen – auch wenn die Grenzen im Alltag manchmal fließend wirken. Sozialarbeiter:innen arbeiten oft in beratenden oder begleitenden Kontexten, die sich von einer klassischen Psychotherapie rechtlich unterscheiden. Wer in der Sozialen Arbeit therapeutisch tätig sein möchte, benötigt dafür eine zusätzliche Qualifikation und Approbation.
Kritik am neuen Gesetz – Was noch nicht stimmt
Das neue PsychThG hat echte Verbesserungen gebracht. Aber es gibt berechtigte Kritik, die wir Dir nicht vorenthalten möchten.
Zu wenig Studienplätze. Die neuen Masterstudiengänge Psychotherapie sind rar. Nicht jede Universität hat sie eingerichtet, und die Kapazitäten reichen nicht überall aus.
Umsetzung in den Ländern läuft ungleich. Die Weiterbildungsordnungen der Landespsychotherapeutenkammern, die für die neue Weiterbildungsphase gebraucht werden, waren in mehreren Bundesländern nach dem Inkrafttreten des Gesetzes noch nicht fertig. Das hat zu Unsicherheiten bei den ersten Absolvent:innen des neuen Systems geführt.
Verbände üben Druck aus. DPtV (Deutsche PsychotherapeutenVereinigung), BPtK (Bundespsychotherapeutenkammer) und DGPS (Deutsche Gesellschaft für Psychologie) haben verschiedene Aspekte der Umsetzung kritisiert – von der Vergütungsfrage bis hin zu den Übergangslösungen für KJP-Spezialisierungen.
Trotz allem ist das Gesetz gut gemeint und ein klarer Schritt nach vorne.
Das PsychThG in den Bundesländern
Das Psychotherapeutengesetz ist ein Bundesgesetz – es gilt also überall in Deutschland. Die Weiterbildungsordnungen jedoch, die die Inhalte und Strukturen der fünfjährigen Weiterbildungsphase festlegen, sind Sache der Landespsychotherapeutenkammern. Und die sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich weit.
Bayern, Baden-Württemberg und einige andere Länder haben ihre Weiterbildungsordnungen relativ früh auf den Weg gebracht. In anderen Bundesländern hat das länger gedauert, was für die ersten Absolvent:innen des neuen Masterstudiengangs zu Unsicherheiten geführt hat.
Wenn Du weißt, in welchem Bundesland Du arbeiten möchtest, lohnt ein Blick auf die Website der zuständigen Landespsychotherapeutenkammer – dort findest Du die aktuelle Weiterbildungsordnung und Informationen zu zugelassenen Weiterbildungsstätten.
Fazit
Das Psychotherapeutengesetz 2020 ist eine der größten Reformen im Bereich psychischer Gesundheitsversorgung der letzten Jahrzehnte. Es macht den Weg zur Approbation klarer, kürzer und fairer – zumindest in der Theorie. Die Umsetzung läuft, aber noch nicht überall reibungslos.
Wenn Du überlegst, Psychotherapeut:in zu werden, solltest Du Dir die Masterstudiengänge an Deinen Wunsch-Universitäten anschauen und prüfen, ob sie die Anforderungen der PsychThApprO erfüllen. Das ist der entscheidende erste Schritt. Und falls Du noch im alten System steckst: Die Übergangsregelung gilt bis 2032 – Du hast also noch Zeit, Deinen Weg zu Ende zu gehen.
Wie bekomme ich überhaupt einen Psychologie-Studienplatz?
Du willst Psychologie studieren und fragst Dich wie Du ins Studium kommst?
FAQs
Zurück zu allen Artikeln